Wind am Start einschätzen

Höhenwind, Thermik, Talwind? Oder ein Mix?

Der Herbst ist die klassische Hike&Fly-Saison. Die guten Thermiktage werden seltener. Die Wanderflieger sind wieder öfters alleine abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs und erforschen neue Startplätze. Damit erhalten sie nebenbei noch einen ehrlichen Spiegel ihrer Fähigkeiten.

«Wie kann ich die Verhältnisse am Start einschätzen? Ich möchte mit einem guten Gefühl starten und keine bösen Überraschungen erleben.»

Diese Frage wird mir oft von Teilnehmer/innen des Hike&Fly Know-How > gestellt. Sie möchten selbständige Piloten abseits des Rummels werden. Exzellente Frage! Denn das Anliegen zielt auf eine zentrale Herausforderung des Gleitschirmfliegens:

Die Chancen und Risiken bleiben meistens unsichtbar, da es sich um Luftbewegungen handelt.

Deshalb hier nochmals das Kleingedruckte: Das Fluggerät ist zwar spielerisch einfach – die Flugbedingungen hingegen können am Nachmittag im Sommer in den Alpen anspruchsvoll werden. Für das ungeübte Auge sind diese anspruchsvollen Flugbedingungen unsichtbar. Wer den Sport im Sommer in den Alpen am Nachmittag auszuüben gedenkt, auf den wartet ein zeitintensives und mental anspruchsvolles Hobby. Man könnte schon fast von einem Lifestyle sprechen. Etwas technischer ausgedrückt: Man muss mit unvollständiger Information selbständig Entschiede über meist unsichtbare Luftbewegungen fällen und dann die Konsequenzen selber erspüren im Flug. Den einen spornt dies an, den anderen schreckt es wohl eher ab. Vielleicht ist dies eine der Ursachen, weshalb die Hälfte der frisch brevetierten Pilot/innen in der Schweiz in den ersten 3 Jahren wieder aussteigt. Die Hälfte!

Positiv betrachtet sind diese «Luft-Rätsel» eine Quelle der Motivation. Jeden Tag ist die Meteo-Lage anders. Auch nach zehn Jahren fliegen erlebe ich immer wieder neue Situationen. Obwohl ich unterdessen einige davon passend einschätzen kann, habe ich nie ausgelernt. Ich kann meine Wahrnehmung mit jedem Flug erweitern. Ich hoffe, dieser Lernprozess sei ein ganzes Fliegerleben lang nie zu Ende. Es sei denn, ich bleibe in der Komfortzone und wage nichts Neues. Doch ich wette meinen Fluglehrerstuhl darauf, dass es auch in der Komfortzone hie und da noch Überraschungen gibt.

Intuition mit 1’000 Flügen erarbeiten

Während der erfahrene Pilot die Bedingungen intuitiv in kürzester Zeit einschätzen kann, fragt sich der Neuling, ob er je an diesen Punkt komme. Intuition – das Bauchgefühl – speist sich aus ganz vielen gemachten Erfahrungen und angesammeltem Wissen. Damit die Intuition zuverlässig wird, muss man sie über die Jahre hinweg mit ganz viel Material füttern. So können Muster schnell erkannt werden («Ach ja, die Ecke bei Zweilütschinen Richtung Grindelwald ist am Nachmittag im Sommer ein Lee des Talwindes. Dafür habe ich nordseitig des Männlichen einen gemütlichen Prallhang des Talwindes. Ich bin tief und soare nun dort auf.»)

Bis zur Erfindung der Wunderpille oder der intelligenten App, führt der «kürzeste» Weg zu mehr Sicherheit beim Einschätzen der Windverhältnisse am Start über ganz viele Flüge. Mache 1’000 Flüge in unterschiedlichen Gebieten und zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. 500 sind auch schon gut, falls du weniger Zeit für den Flugsport hast. Unterhalte dich mit erfahrenen Piloten und vertiefe dich in die Theorie. Ja, Theorie hilft bei diesen unsichtbaren Luft-Rätseln enorm. Es geht darum, sich eine mentale innere Landkarte zu erarbeiten, die den Lernprozess unterstützt.

Bei mir hat sich in den letzten Jahren folgende Aufteilung der Windsysteme bewährt:

Bin ich hier im Einfluss des Höhenwindes, der Thermik oder des Talwindes? Oder ist es ein Mix?

Achtung, diese Grafik ist maximal vereinfacht! Die Rückmeldungen von Piloten haben jedoch gezeigt, dass sie trotzdem hilfreich ist. Wir betrachten von oben nach unten 3 Windsysteme an einem thermischen Tag in den Alpen. Es ist ein Tag ohne Föhn,  Gewitter oder Frontdurchgang.

Ich möchte nun ein paar Erfahrungswerte weitergeben. Die Liste ist nicht vollständig, sollte aber genügen, um deinem  Lernprozess einen Schub zu geben.


Höhenwind

Je näher ich mich am Gipfel oder an der Krete befinde, desto mehr bin ich im Einfluss des Höhenwindes. Auf den Höhenwind kann ich mich vorbereiten, da er in den fein aufgelösten Wettermodellen zuverlässig prognostiziert wird (z.B. COSMO bei meteo-shv.ch > oder meteo-parapente.com >). Gelegentlich übertreiben die Modelle ein wenig, da die Berge im Wettermodell tiefer und sehr grob aufgelöst sind (eine Landschaft aus Legosteinen mit 1 km Kantenlänge). Je höher der Startplatz liegt, desto genauer ist  die Prognose. Die freie Atmosphäre ist eine Freude für das Wettermodell – die komplexe Landschaft der Alpentäler hingegen ein noch unlösbares Rechenproblem.

Stehe ich auf einem schneebedeckten Gipfel oder ist es ein bewölkter Tag ohne Thermik, ist die Chance recht gross, dass ich mich ausschliesslich im Einfluss des Höhenwindes befinde. Ich kann auf den Gipfel stehen, um Windrichtung und -Stärke zuverlässig zu beurteilen. LUV und LEE wären somit auch geklärt. Im Bereich des Gipfels oder der Krete wird der Wind durch den Düsen-Effekt etwas beschleunigt. 50 bis 100 m Abstieg im LUV wirken Wunder. Bei viel Höhenwind kann das Wunder auch erst 300 bis 500 m tiefer eintreten.

Böiger Höhenwind mit Spitzen von mehr als 40 km/h weist auf äusserst anspruchsvolle Flugbedingungen hin! Für viele Piloten, die nicht gerade einen Wettkampf gewinnen wollen, sind dies wohl schon «Un-Flug-Bedingungen», die einen Abstieg zu Fuss mit anschliessendem Besuch der Pizzeria nahelegen. An solchen Tagen gibt es kaum etwas zu gewinnen, das mich längerfristig erfüllt. Aber es gibt alles zu verlieren, was ich habe.

Mix Höhenwind & Thermik:

  • An einem Sommertag mit hochreichender Thermik kann diese den Höhenwind bremsen. Dies habe ich schon beobachtet, als ich morgens auf einem Viertausender im sportlichen Wind warten musste, der sich gegen Mittag in einen perfekten Aufwind abschwächte.
  • Lee-Thermik: Obwohl diese Grenze unscharf ist, kann man an Tagen mit labiler Luftschichtung und weniger als 20 km/h Höhenwind recht gut in der Leethermik fliegen (wenn man dies möchte). Diese blockt den Höhenwind ab. Auf Höhe der Krete nicht zu nahe am Gelände fliegen. Denn dort mixt sich der Höhenwind mit der Thermik.
    Sobald sich Wolken bilden, werden die Luftbewegungen sichtbar. Andy Jäggy hat so einen Moment am Rugen in Interlaken erwischt und in einen kleinen Film > festgehalten. Wer mehr wissen möchte: Burki Martens erklärt die Leethermik prima in diesem Artikel Luv- und Leethermik >
  • Fliegende Bergsteiger: Vorsicht ist im LEE von hohen Alpengipfeln, wenn die Luftschichtung stabil ist und der Höhenwind deutlich über 40 km/h liegt.

Thermik / Hangwind

Sobald der Untergrund wärmer oder kälter als die Umgebungsluft ist, setzt sich der Hangwind in Bewegung.

Abwind (katabatisch)

Im Schnee, am schattigen Hang oder in der Nacht treffe ich am Hang vermehrt Abwind an. Dieser beschränkt sich auf die bodennahen Meter.  Man stelle sich einen Fluss vor, der den Hang hinab fliesst. Manchmal pulsiert er und man kann in den schwachen Phasen losrennen. Auf dem Gipfel oder auf erhöhten Kuppen weht er kaum. Ich habe den Schirm auch schon im Windschatten eines Hauses oder grossen Felsblocks  aufgezogen. Je nach Grösse und Neigung des Startplatzes kann man den Schirm auch gegen den Abwind aufziehen, eine Kurve laufen und dann «Run like hell»! Der Acro-Profi Theo de Blic hat noch folgende elegante Variante > zu bieten. Nun ja, auch beim Abwindstart ist die Grenze des orthopädisch vertretbaren individuell.

Aufwind (anabatisch)

Sobald die Sonne im idealen Winkel auf den Hang scheint und der Untergrund trocken ist, erwacht der Hangaufwind. Er kriecht dem Hang entlang nach oben, gewinnt an Stärke, löst sich an geeigneten Stellen vom Hang ab und setzt seine Reise nach oben als Thermikblase oder gar als Thermikschlauch fort.

Mix: Gerät der Thermikschlauch in den Einfluss des Höhenwindes, wird er mit dem Wind abgelenkt. Beim Zentrieren muss man sich dann immer ein wenig versetzen. Bei starkem Höhenwind wird die Thermik zerrissen und der Flugspass nimmt rapide ab.

Meistens ist im Hangaufwind ein Rhythmus zu spüren und im Gras zu beobachten. Wenn die Aufwind-Böen zu stark sind, wartet man die schwache Phase ab. Ein Wechsel des Startplatzes kann auch Wunder wirken.
Neulich habe ich recht lange in vermeintlichen Abwindböen gewartet, bis wir auf die Idee kamen, dass wenig unterhalb von uns eine starke Thermik vom Hang ablöst. Es wurde ständig Luft aus unserem Bereich angesaugt, was an unserer Position einen Abwind ergab. Meine Theorie war ursprünglich, dass ich mich im Einflussbereich des Gletscherwindes befinde, der auch in der Nähe den Hang hinunter wehen musste. Siehe da, schon wieder ein Luft-Rätsel geknackt.

Ziehen die thermischen Ablösungen mit einem hörbaren Zischen im Gras oder mit Rauschen in den Tannen durch, herrschen sportliche Bedingungen. Da muss jeder für sich entscheiden, wo seine Flow-Zone liegt, damit er mit Spass in diesen Verhältnissen fliegen kann. An heissen trockenen Sommertagen sind gelegentlich Dust-Devils zu beobachten. Dies sind kleine Windhosen, die den Beginn einer starken Thermik markieren. Die Suchbegriffe «Paraglider» und «Dust Devil» fördern bei YouTube > unfreiwillige akrobatische Einlagen zu Tage. Warten auf den Abend, eine Abschattung oder der Wechsel des Startplatzes kann helfen. Dust -Devils sind eher eine Erscheinung in den Südalpen. In den Hitzesommern verirren sie sich gelegentlich zu uns auf die Alpennordseite.

Thermischer Aufwind auf dem Gletscher? Ja, das gibt es und hat mir schon viele Starts im alpinen Gelände vereinfacht. Sofern sich nahe hinter dem Startplatz eine aufgeheizte Felsflanke befindet, saugt diese zuverlässig Luft an.


Talwind / Bergwind

Je tiefer unten im Tal mein Startplatz liegt, desto eher komme ich in den Einfluss des Tal- oder Bergwindes. Ein Windsystem, das gegen unten immer wie stärker wird. Je nach Tages- und Jahreszeit.

Das Talwindsystem ist mit Abstand die unerschöpflichste Quelle an Luft-Rätseln auf dem Lernweg. Mir werden stets neue Erfahrungen berichtet; ganz zu schweigen von meinen eigenen. Die Geschichten laufen meist nach diesem Schema ab: «Auf dem Gipfel  hatte ich nur schwachen Wind und so dachte ich mir, ich fliege im Frühling/Sommer zweite Hälfte Nachmittag ins grosse Tal hinunter, ohne die Windwerte dort zu prüfen.» Wenn der Flugweg zusätzlich ins Lee des Talwindes oder in eine Verengung des Tales führte, werden die Geschichten noch spannender.

Mix: Die Überlagerung von Höhenwind und kräftigem Talwind ist übrigens die ideale Wetterlage, um endlich mal das Rückwärts-Landen zu üben 😉 Hat der Höhenwind die selbe Richtung wie der Talwind, so kann der Talwind an gewissen Orten mit 40-50 km/h in den Böen daherkommen.

Im LUV des Talwindes kann man soaren. Trifft der Talwind auf einen sonnigen Prallhang, kann man im Mix aus Thermik und Talwind rasch aufsteigen.

Die Voralpen werden im Sommer am Nachmittag vom Talwind überspült. Dieser fühlt sich dort wie Höhenwind an und kann auch als solcher behandelt werden. Am Niederhorn bei Interlaken ist dieser Effekt am Nachmittag im Sommer oft zu beobachten.

Am Burgfeldstand bei Interlaken (östlich des Niederhorns) kann man am Nachmittag Richtung Nordwesten starten und der Kette entlang soaren. Mix: Die Nordwestseite wird gegen Abend thermisch aktiv und man dreht einen Schlauch bis 200 m über den Gipfel aus und fliegt mit Rückenwind übers LEE hinweg nach Interlaken. Je weniger hoch man den Schlauch ausdreht, desto mehr kann man auf Tuchfühlung mit dem LEE gehen. Da dieser hochreichende Talwind am Burgfeldstand kaum über 15 km/h geht, könnte man dieses LEE als gutes «Lern-LEE» mit vertretbaren Risiken bezeichnen. Auf beiden Seiten der Krete ist ein Mix aus Talwind/Höhenwind und Thermik zu erforschen. (Fluglehrer Bänz steht somit mit einem Fuss im Knast und wird diese Passage im Text hoffentlich nie bereuen… das Internet vergisst nie.)

Meistens weht der Talwind am Nachmittag talaufwärts. Voraussetzung ist, dass sich die Berge aufheizen und Thermik bilden. Eine interessante Ausnahme der Windrichtung bilden die Bereiche der Alpenpässe: Selten treffen sich die Talwinde zweier Täler direkt auf dem Pass und vereinen sich dort zu einer grossflächigen Thermik. Oft drückt ein Talwind über den Pass in das andere Tal und bildet irgendwo talabwärts eine Konvergenz. Ein Pass ist eine Düse und beschleunigt den Talwind zusätzlich. In Fliegerkreisen hört man von der «Grimselschlange», der «Brünig-Hexe», usw. Wer unabsichtlich in die luftigen Finger eines solchen Fabelwesens gerät, sollte sich auf direktem Weg an den gegenüberliegenden Prallhang flüchten und dort aufsoaren.

Ein Blick auf die Talwindkarte Schweiz > hilft. Für die Ostalpen gibt es hier tolle Talwindkarten: viento.aero > 

Am Abend und in der Nacht kehrt sich dieses Windsystem um. Der Bergwind fliesst das Tal auswärts. Die Düsen befinden sich am selben Ort. Aber die LUV’s und LEE’s wechseln die Vorzeichen.

Gegen Mittag des nächsten Tages setzt wieder der Talwind ein.


Unter 20 km/h Wind ziemlich sorgenfrei

Falls jetzt der Eindruck entstanden ist, Gleitschirmfliegen sei voller fieser Meteo-Fallen, so möchte ich korrigieren: Erst ab einer erhöhten Windstärke bilden sich die wirklich gefährlichen Turbulenzen. Diese unscharfe Grenze möchte ich irgendwo zwischen 25-30 km/h ansetzen. Wenn ich bei 20 km/h nicht unmittelbar hinter dem Hindernis/Grat ins LEE fliege, sind kaum Turbulenzen zu erwarten, die überfordern.

Also: Schwacher Wind in der Höhe und am Boden & angenehme Thermik = Sorgenfreies aktives Fliegen. Auch für Anfänger und Wenigflieger.

Es gibt viele Tage und Tageszeiten, die absolut problemlos sind.


Genug Theorie. Zum Schluss möchte ich noch eine praktische Übung mit euch teilen, damit wir nicht in einem theoretischen-Tagtraum am Startplatz herumirren. Da glückliches Gleitschirmfliegen Kopfsache ist, wechseln wir nun in den Bereich des mentalen Trainings:

Eine kleine Startplatz-Meditation

Diese Achtsamkeitsübung funktioniert zu Beginn am besten an einsamen Startplätzen. Mit etwas Übung kann man sie auch an belebten Startplätzen probieren. Die Endstufe wäre dann mit einem penetranten Startplatz-Schwätzer im linken Ohr und einem leicht hysterischen Startleiter einer Flugschule im rechten. Doch zurück zur Stille des Hike&Fly-Gipfels:

  • 10 Minuten Zeit nehmen
  • Auf den Rucksack sitzen. Oder sonstwo hin, wo es bequem ist
  • Ankommen, ruhig werden
  • Augen schliessen
  • Den Atem ruhig fliessen lassen
  • Falls störend: Die Gedanken wie Wolken am Himmel ziehen lassen
  • Wind auf der Haut spüren
  • Windgeräusche lauschen
  • Gegen Schluss die Augen wieder öffnen
  • Gras und Bäume in der nahen Umgebung beobachten. Sieht man den Wind an den Blättern?
  • Wolken beobachten. Erkennt man Bewegungen?
  • Eventuell kann man die Oberfläche eines Sees beobachten.
  • Zum Abschluss ein paar mal tief ein- und ausatmen
  • Jetzt bist du bereit für einen eleganten Start und glücklichen Flug

–––

Bänz Erb, August 2019

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