Mentaler Fokus an der Prüfung

Eine Minute für mehr Konzentration

Prüfungssituationen können mit Stress verbunden sein. Für die einen ist dies positiv anregend und versetzt sie in den optimalen Leistungszustand. Für die anderen wirkt sich der Stress eher negativ aus und hindert sie daran, ihre wahre Leistung zu zeigen. Die gute Nachricht aus der Sportpsychologie: Mit einfachen Techniken kann man die Erregung regulieren. Aber es erfordert ein wenig Training vorher. Wir regulieren die Anspannung nicht mit «noch» mehr Denken, sondern setzen ganz konkret bei der Atmung und der Lenkung der Aufmerksamkeit an. Damit haben wir schon 2 von 4 mentalen Einflussbereichen abgedeckt (die andern beiden wären Selbstgespräch und Visualisierung). Sowohl die Atmung wie auch die Lenkung der Aufmerksamkeit finden in der Gegenwart statt. Dies ist der Ort, an dem wir am meisten Einfluss auf das Resultat der Prüfung ausüben können.

Ich möchte dir hier eine kleine Übung mit auf dem Weg geben. Du kannst sie problemlos in der Luft machen, wenn du Richtung Position für die Manöver oder Richtung Abbauraum fliegst. Sie dauert knapp eine Minute.

Ich wünsche dir ganz viel Erfolg an deiner Prüfung! Der Wetterbericht für Freitag, 31.1. sieht brauchbar aus.

Die Übung

  • Atme etwas tiefer ein als sonst und halte den Atem für 1 Sekunde. Atme laaaaaangsam aus und halte danach für 1 Sekunde, bevor du wieder einatmest. Wenn du magst, kannst du durch den Mund ausatmen, die Lippen leicht zusammenpressen und dabei ein Geräusch machen. Wie ein Ballon, der langsam die Luft verliert. Pfffffffffffffffff…
  • Wiederhole die Atemübung für 3-5 Atemzüge. Atme in einem Tempo, das angenehm für dich ist. Wichtig ist, dass das Ausatmen länger als das Einatmen dauert.
  • Fixiere mit deinem Blick nacheinander 5 Objekte in der Umgebung (z.B ein Haus, ein Schiff auf dem See, ein Baum, eine Wolke, der Gipfel eines Berges, das Ohr deines Schirmes, die Spitzen deiner Füsse, …).
  • Schliesse deine Augen und spüre den Wind im Gesicht.
  • Lächle für ein paar Sekunden 😀
  • Öffne deine Augen und konzentriere dich auf deine nächste Aufgabe der Prüfung.

Tipps

  • Übe bereits am Vorabend und auch auf dem Weg zur Prüfung.
  • Die Übung funktioniert auch im Bus nach oben oder beim Warten am Startplatz. Das Pffffffffffff beim Ausatmen kann man auch weglassen, wenn andere in der Nähe sind.
  • Du kannst die Bausteine auch einzeln oder in anderer Reihenfolge anwenden.
  • Die Übung funktioniert auch im Alltag
  • Du kannst ein kleines Objekt als Erinnerung ans Gurtezeug befestigen, damit du dich im Flug an die Übung erinnerst.

Technische Infos

Ziele:
Kleine mentale Erfrischung. Ein Schritt Richtung Entspannung. Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf das Hier & Jetzt.

Mentale Techniken:
Entspannungsatmung, Lenkung der Aufmerksamkeit, Embodiment

Dauer:
ca. 1 Minute oder weniger pro Durchgang


Entspannen und Einschlafen am Vorabend

Kennst du Autogenes Training? Seit rund 100 Jahren DIE Entspannungsübung im Westen. Wenn du magst, kannst du dich für 28 Minuten durch folgende Übung führen lassen:
Speziell zum Einschlafen: Autogenes Training >

Hinlegen, Zudecken, Kopfhörer aufsetzen, Autoplay im Youtube ausschalten, Starten, …wohlig warm und schwer Versinken…


Bänz Erb, Januar 2020

Ich absolviere zur Zeit ein CAS «Psychologisches & Mentales Training im Sport» IAP ZHAW.  Ab Sommer 2020 sind bei Chill Out Weiterbildungsangebote zu mentaler Stärke geplant – für alle Pilot/innen, vom Flugschüler über den Genusspiloten bis hin zum leistungsorientierten Piloten. Bis dahin schreibe ich an dieser Stelle in unregelmässigen Abständen Beiträge zu mentaler Stärke im Gleitschirmfliegen und werde mit einigen ausgewählten Pilot/innen und Sportler/innen meine ersten Erfahrungen sammeln.

Feedbacks, Fragen und Erfahrungen sind immer willkommen: bendicht@chilloutparagliding.com

 

 


 

Mein schönster Flug

Eine Visualisierung für mentale Stärke

Gleitschirmfliegen ist zu geschätzten 95% Kopfsache.

Es spielt eine zentrale Rolle, auf was ich beim Fliegen meine Aufmerksamkeit lenke, wie ich atme, welche Selbstgespräche ich führe und welche inneren Bilder ich entstehen lasse. Es ist ebenso entscheidend, welche Ziele ich mir setze, wenn ich etwas erreichen oder verändern will. An schlechteren Tagen geht es darum, Verantwortung für meine geistigen Prozesse zu übernehmen.

Selbstsichere und glückliche Pilot/innen machen dies oft schon unbewusst alles richtig und erleben jede Menge Flow (1). Mentales Training erübrigt sich. Gratulation. Geniesst es!

Vielleicht kommt irgendwann ein Knick in der Karriere und die Ausgangslage ist dann noch früh genug eine andere. Ich wünsche natürlich allen von Herzen, dass ihnen der Knick erspart bleibt! Die «Geknickten» hingegen wissen vielleicht schon, dass die erfolgreiche Überwindung eines Rückschlags sie zu reiferen Piloten macht.

Flow auf Knopfdruck? Nach vielen Gesprächen mit verschiedensten Pilot/innen kann ich sagen, dass die Realität der breiten Masse ein wenig anders aussieht. An gewissen Tagen ist auch bei mir der Wurm drin. Ich beobachte an mir die negative Angewohnheit, mich am Startplatz oder schon auf dem Weg dorthin zu verkrampfen. Ohne dass ich dies bewusst will, rufe ich vor meinem inneren Auge Misserfolge und Unfälle ab. Fliegen ist nun mal etwas anderes als Minigolf zu spielen oder ins Kino zu gehen. Manchmal haben andere Piloten am Startplatz nichts Gescheiteres zu tun, als über Unfälle zu «praschallern» und sich so gegenseitig mental herunterzuziehen. Dabei wäre die positive und konzentrierte Stimmung am Startplatz die Grundlage, um mit gutem Gefühl in die Luft zu gehen und den Flug schon von der ersten Sekunde an geniessen zu können.

Mit folgender Übung baue ich mentale Stärke auf und kann meinen Zustand vor dem Start positiv beeinflussen.

Die Übung

  • Suche dir einen gemütlichen und ungestörten Ort.
  • Setze oder lege dich bequem hin.
  • Entspanne dich. Lasse die Muskulatur im Gesicht hängen. Lasse die Schultern hängen. Entspanne den Bauch.
  • Schliesse die Augen.
  • Vertiefe deinen Atem für ein paar Züge. Mache zwischen dem Aus- und Einatmen jeweils eine kurze Pause (1 Sekunde). Die Ausatmung ist länger als die Einatmung.
  • Lass deinen Atem danach natürlich und frei fliessen, ohne ihn weiter zu beachten.
  • Erinnere dich an deine schönsten / besten / glücklichsten Flüge. Wann fühltest du dich glücklich, sicher und voller Selbstvertrauen? Egal, wie lang oder wie hoch der Flug war. Es zählt einzig das positive Gefühl. Lasse dir Zeit, bis die zugehörigen Bilder vor deinem inneren Auge auftauchen.
  • Wähle einen Flug aus
  • Versetze dich mental zurück in dein Gurtzeug und stelle dir den Flug so realistisch wie möglich vor. Schau dich in alle Richtungen um in deinen Erinnerungen.
  • Erlebe den Flug mit allen Sinnen: z.B. den Wind im Gesicht, die Feuchte der Wolkenbasis, das Schaukeln des Gurtzeuges, die Bewegungen des Schirmes in der Luft, vielleicht die kalten Finger oder die Sonne im Gesicht, die Düfte der Thermik, die Geräusche des Windes und des Varios, …
  • Wechsle nun in die Aussenperspektive: Stelle dir den Flug aus der Sicht eines Piloten vor, der hinter / neben / vor  dir fliegt.
  • Geniesse das Gefühl. Sauge es auf.
  • Gib diesem inneren Bild einen Code-Namen. z.B. «Schwarzhorn»
  • Verbinde dieses innere Bild deines schönsten Fluges nun mit einer Handlung deiner Startvorbereitungen: z.B. Rucksack abstellen, Helm anziehen, Schirm auslegen, … oder schon mit dem Moment, wenn du den Startplatz zum ersten mal siehst.
  • Ausleitung der Visualisierung: Vertiefe deine Atmung für ein paar Züge, balle deine Fäuste, spanne die Armmuskulatur an, ziehe die Arme an die Brust und lasse die Spannung los, öffne die Augen. Du kannst auch direkt ausleiten, indem du einfach die Augen öffnest.
    –––
  • Jedes Mal, wenn du nun diese eine Handlung am Startplatz tätigst, kannst du mit deiner inneren Stimme den Code-Namen aussprechen, die Augen kurz schliessen und das Bild deines schönsten Fluges abrufen. Je bunter und detaillierter das Bild ist, desto besser. Alle Sinne ansprechen.
  • Du kannst den Code-Namen und das innere Bild auch in der Luft aufrufen und dich damit mental neu ausrichten, falls du eine Erfrischung benötigst.

Tipps

  • Erwarte keine Wunder. Wirkung ist nur bei regelmässiger und konzentrierter Übung zu erwarten. Deshalb heisst es auch «mentales Training» und nicht «Alice-im-Wunderland-Getränk». Wir arbeiten hier an negativen Gewohnheiten, die wir uns womöglich lange unbewusst antrainiert haben.
  • Visualisiere deinen schönsten Flug immer wieder in Momenten der Entspannung (vor dem Einschlafen, in der Siesta, in der Sauna, auf der Couch, im Zug, beim Para-Waiting, an langweiligen Meetings, ev. sogar im Chill Out Bus nach oben …)
  • Ein Mensch deines Vertrauens kann dich auch durch die Übung führen.
  • Vielleicht möchtest du ein kleines Objekt an deine Ausrüstung hängen, das an deinen schönsten Flug erinnert (Schlüsselanhänger, mini Tierchen, kleines Bild, Gegenstand aus der Natur, kleiner Chill Out Kleber… )
  • Wenn die Übung nicht funktioniert, so kannst du sie auch etwas verändern, bis sie für dich passt.

(1) Flow (Psychologie), (englisch «Fließen, Rinnen, Strömen») bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit («Absorption»), die wie von selbst vor sich geht. Artikel Wikipedia >


Technische Infos

Ziel: Optimalen Leistungszustand mit allen Sinnen visualisieren und an die Startvorbereitung ankern.

Mentale Techniken: Entspannungsatmung, Visualisierung, Anker setzen.

Dauer: ca. 5-10 Minuten pro Durchgang


Bänz Erb, Oktober 2019

Ich absolviere zur Zeit ein CAS «Psychologisches & mentales Training im Sport» IAP ZHAW.  Ab Sommer 2020 sind bei Chill Out Weiterbildungsangebote zu mentaler Stärke geplant – für alle Pilot/innen, vom Flugschüler über den Genusspiloten bis hin zum leistungsorientierten Piloten. Bis dahin schreibe ich an dieser Stelle in unregelmässigen Abständen Beiträge zu mentaler Stärke im Gleitschirmfliegen und werde mit einigen ausgewählten Pilot/innen und Sportler/innen meine ersten Erfahrungen sammeln.

Feedbacks, Fragen und Erfahrungen sind immer willkommen: bendicht@chilloutparagliding.com


 

Wind am Start einschätzen

Höhenwind, Thermik, Talwind? Oder ein Mix?

Der Herbst ist die klassische Hike&Fly-Saison. Die guten Thermiktage werden seltener. Die Wanderflieger sind wieder öfters alleine abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs und erforschen neue Startplätze. Damit erhalten sie nebenbei noch einen ehrlichen Spiegel ihrer Fähigkeiten.

«Wie kann ich die Verhältnisse am Start einschätzen? Ich möchte mit einem guten Gefühl starten und keine bösen Überraschungen erleben.»

Diese Frage wird mir oft von Teilnehmer/innen des Hike&Fly Know-How > gestellt. Sie möchten selbständige Piloten abseits des Rummels werden. Exzellente Frage! Denn das Anliegen zielt auf eine zentrale Herausforderung des Gleitschirmfliegens:

Die Chancen und Risiken bleiben meistens unsichtbar, da es sich um Luftbewegungen handelt.

Deshalb hier nochmals das Kleingedruckte:
Das Fluggerät ist zwar spielerisch einfach – die Flugbedingungen hingegen können am Nachmittag im Sommer in den Alpen anspruchsvoll werden. Für das ungeübte Auge sind diese anspruchsvollen Flugbedingungen unsichtbar. Wer den Sport im Sommer in den Alpen am Nachmittag auszuüben gedenkt, auf den wartet ein zeitintensives und mental anspruchsvolles Hobby. Man könnte schon fast von einem Lifestyle sprechen. Etwas technischer ausgedrückt: Man muss mit unvollständiger Information selbständig Entschiede über meist unsichtbare Luftbewegungen fällen,  und dann die Konsequenzen selber im Flug erspüren. Den einen spornt dies an, den anderen schreckt es eher ab. Vielleicht ist dies eine der Ursachen, weshalb viele der frisch brevetierten Pilot*innen in den ersten Jahren wieder aussteigen?

Positiv betrachtet sind diese «Luft-Rätsel» eine Quelle der Motivation. Jeden Tag ist die Meteo-Lage anders. Auch nach zehn Jahren fliegen erlebe ich immer wieder neue Situationen. Obwohl ich unterdessen einige davon passend einschätzen kann, habe ich nie ausgelernt. Ich kann meine Wahrnehmung mit jedem Flug erweitern. Ich hoffe, dieser Lernprozess sei ein ganzes Fliegerleben lang nie zu Ende. Es sei denn, ich bleibe in der Komfortzone und wage nichts Neues. Doch ich wette meinen Fluglehrerstuhl darauf, dass es auch in der Komfortzone hie und da noch Überraschungen gibt.

Intuition mit 1’000 Flügen erarbeiten

Während der erfahrene Pilot die Bedingungen intuitiv in kürzester Zeit einschätzen kann, fragt sich der Neuling, ob er je an diesen Punkt komme. Intuition – auch gefühltes Wissen oder Bauchgefühl genannt – speist sich aus ganz vielen gemachten Erfahrungen und angesammeltem Wissen. Damit die Intuition zuverlässig wird, muss man sie über die Jahre hinweg mit viel Material füttern. So können Muster schnell erkannt werden («Ach ja, die Ecke bei Zweilütschinen Richtung Grindelwald ist am Nachmittag im Sommer ein Lee des Talwindes. Dafür habe ich nordseitig des Männlichen einen gemütlichen Prallhang des Talwindes. Ich bin tief und soare nun dort auf.»)

Bis zur Erfindung der Wunderpille oder der intelligenten App, führt der «kürzeste» Weg zu mehr Sicherheit beim Einschätzen der Windverhältnisse am Start über ganz viele Flüge. Mache 1’000 Flüge in unterschiedlichen Gebieten und zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. 500 sind auch schon gut, falls du weniger Zeit für den Flugsport hast. Unterhalte dich mit erfahrenen Piloten und vertiefe dich in die Theorie. Ja, Theorie hilft bei diesen unsichtbaren Luft-Rätseln enorm. Es geht darum, sich eine mentale innere Landkarte zu erarbeiten, die den Lernprozess unterstützt.

Bei mir hat sich in den letzten Jahren folgende Aufteilung der Windsysteme bewährt:

Bin ich hier im Einfluss des Höhenwindes, der Thermik oder des Talwindes? Oder ist es ein Mix?

Achtung, diese Grafik ist maximal vereinfacht! Die Rückmeldungen von Piloten haben jedoch gezeigt, dass sie trotzdem hilfreich ist. Wir betrachten von oben nach unten 3 Windsysteme an einem thermischen Tag in den Alpen. Es ist ein Tag ohne Föhn,  Gewitter oder Frontdurchgang.

Ich möchte nun ein paar Erfahrungswerte weitergeben. Die Liste ist nicht vollständig, sollte aber genügen, um deinem  Lernprozess einen Schub zu geben.


Höhenwind

Je näher ich mich am Gipfel oder an der Krete befinde, desto mehr bin ich im Einfluss des Höhenwindes. Auf den Höhenwind kann ich mich vorbereiten, da er in den fein aufgelösten Wettermodellen zuverlässig prognostiziert wird (z.B. COSMO bei meteo-shv.ch > oder meteo-parapente.com >). Gelegentlich übertreiben die Modelle ein wenig, da die Berge im Wettermodell tiefer und sehr grob aufgelöst sind (eine Landschaft aus Legosteinen mit 1 km Kantenlänge). Je höher der Startplatz liegt, desto genauer ist  die Prognose. Die freie Atmosphäre ist eine Freude für das Wettermodell – die komplexe Landschaft der Alpentäler hingegen ein noch unlösbares Rechenproblem.

Stehe ich auf einem schneebedeckten Gipfel oder ist es ein bewölkter Tag ohne Thermik, ist die Chance recht gross, dass ich mich ausschliesslich im Einfluss des Höhenwindes befinde. Ich kann auf den Gipfel stehen, um Windrichtung und -Stärke zuverlässig zu beurteilen. LUV und LEE wären somit auch geklärt. Im Bereich des Gipfels oder der Krete wird der Wind durch den Düsen-Effekt beschleunigt. 50 bis 100 m Abstieg im LUV wirken Wunder. Bei viel Höhenwind kann das Wunder auch erst 300 bis 500 m tiefer eintreten.

Böiger Höhenwind mit Spitzen von mehr als 40 km/h weist auf äusserst anspruchsvolle Flugbedingungen hin! Für viele Piloten, die nicht gerade einen Wettkampf gewinnen wollen, sind dies wohl schon «Un-Flug-Bedingungen», die einen Abstieg zu Fuss mit anschliessendem Besuch der Pizzeria nahelegen. An solchen Tagen gibt es kaum etwas zu gewinnen, das mich längerfristig erfüllt. Aber es gibt alles zu verlieren, was ich habe.

Mix Höhenwind & Thermik:

  • An einem Sommertag mit hochreichender Thermik kann diese den Höhenwind bremsen. Dies habe ich schon beobachtet, als ich morgens auf einem Viertausender im sportlichen Wind warten musste, der sich gegen Mittag in einen perfekten Aufwind abschwächte.
  • Lee-Thermik: Obwohl diese Grenze unscharf ist, kann man an Tagen mit labiler Luftschichtung und weniger als 20 km/h Höhenwind recht gut in der Leethermik fliegen (wenn man dies möchte). Diese blockt den Höhenwind ab. Auf Höhe der Krete nicht zu nahe am Gelände fliegen. Denn dort mixt sich der Höhenwind mit der Thermik.
    Sobald sich Wolken bilden, werden die Luftbewegungen sichtbar. Andy Jäggy hat so einen Moment am Rugen in Interlaken erwischt und in einen kleinen Film > festgehalten. Wer mehr wissen möchte: Burki Martens erklärt die Leethermik prima in diesem Artikel Luv- und Leethermik >
  • Fliegende Bergsteiger: Vorsicht ist im LEE von hohen Alpengipfeln, wenn die Luftschichtung stabil ist und der Höhenwind deutlich über 40 km/h liegt. Rodeo garantiert.

Thermik / Hangwind

Sobald der Untergrund wärmer oder kälter als die Umgebungsluft ist, setzt sich der Hangwind in Bewegung.

Abwind (katabatisch)

Im Schnee, am schattigen Hang oder in der Nacht treffe ich am Hang vermehrt Abwind an. Dieser beschränkt sich auf die bodennahen Meter.  Man stelle sich einen Fluss vor, der den Hang hinab fliesst. Manchmal pulsiert er und man kann in den schwachen Phasen losrennen. Auf dem Gipfel oder auf erhöhten Kuppen weht er kaum. Ich habe den Schirm auch schon im Windschatten eines Hauses oder grossen Felsblocks  aufgezogen. Je nach Grösse und Neigung des Startplatzes kann man den Schirm auch gegen den Abwind aufziehen, eine Kurve laufen und dann «Run like hell»! Der Acro-Profi Theo de Blic hat noch folgende elegante Variante > zu bieten. Nun ja, auch beim Abwindstart ist die Grenze des orthopädisch vertretbaren individuell.

Aufwind (anabatisch)

Sobald die Sonne im idealen Winkel auf den Hang scheint und der Untergrund trocken ist, erwacht der Hangaufwind. Er kriecht dem Hang entlang nach oben, gewinnt an Stärke, löst sich an geeigneten Stellen vom Hang ab und setzt seine Reise nach oben als Thermikblase oder gar als Thermikschlauch fort.

Mix: Gerät der Thermikschlauch in den Einfluss des Höhenwindes, wird er mit dem Wind abgelenkt. Beim Zentrieren muss man sich dann immer ein wenig versetzen. Bei starkem Höhenwind wird die Thermik zerrissen und der Flugspass nimmt rapide ab.

Meistens ist im Hangaufwind ein Rhythmus zu spüren und im Gras zu beobachten. Wenn die Aufwind-Böen zu stark sind, wartet man die schwache Phase ab. Ein Wechsel des Startplatzes kann auch Wunder wirken.
Neulich habe ich recht lange in vermeintlichen Abwindböen gewartet, bis wir auf die Idee kamen, dass wenig unterhalb von uns eine starke Thermik vom Hang ablöst. Es wurde ständig Luft aus unserem Bereich angesaugt, was an unserer Position einen Abwind ergab. Meine Theorie war ursprünglich, dass ich mich im Einflussbereich des Gletscherwindes befinde, der auch in der Nähe den Hang hinunter wehen musste. Siehe da, schon wieder ein Luft-Rätsel geknackt.

Ziehen die thermischen Ablösungen mit einem hörbaren Zischen im Gras oder mit Rauschen in den Tannen durch, herrschen sportliche Bedingungen. Da muss jeder für sich entscheiden, wo seine Flow-Zone liegt, damit er mit Spass in diesen Verhältnissen fliegen kann. An heissen trockenen Sommertagen sind gelegentlich Dust-Devils zu beobachten. Dies sind kleine Windhosen, die den Beginn einer starken Thermik markieren. Die Suchbegriffe «Paraglider» und «Dust Devil» fördern bei YouTube > unfreiwillige akrobatische Einlagen zu Tage. Warten auf den Abend, eine Abschattung oder der Wechsel des Startplatzes kann helfen. Dust -Devils sind eher eine Erscheinung in den Südalpen. In den Hitzesommern verirren sie sich gelegentlich zu uns auf die Alpennordseite.

Thermischer Aufwind auf dem Gletscher? Ja, das gibt es und hat mir schon viele Starts im alpinen Gelände vereinfacht. Sofern sich nahe hinter dem Startplatz eine aufgeheizte Felsflanke befindet, saugt diese Luft an.


Talwind / Bergwind

Je tiefer unten im Tal mein Startplatz liegt, desto eher komme ich in den Einfluss des Tal- oder Bergwindes. Ein Windsystem, das gegen unten immer wie stärker wird. Je nach Tages- und Jahreszeit.

Das Talwindsystem ist mit Abstand die unerschöpflichste Quelle an Luft-Rätseln auf dem Lernweg. Mir werden stets neue Erfahrungen berichtet; ganz zu schweigen von meinen eigenen. Die Geschichten laufen meist nach diesem Schema ab: «Auf dem Gipfel hatte ich nur schwachen Wind und so dachte ich mir, ich fliege im Frühling/Sommer zweite Hälfte Nachmittag ins grosse Tal hinunter, ohne die Windwerte dort zu prüfen.» Wenn der Flugweg zusätzlich ins Lee des Talwindes oder in eine Verengung des Tales führte, werden die Geschichten noch spannender.

Mix: Die Überlagerung von Höhenwind und kräftigem Talwind ist übrigens die ideale Wetterlage, um endlich mal das Rückwärts-Landen zu üben 😉 Hat der Höhenwind dieselbe Richtung wie der Talwind, so kann der Talwind an gewissen Orten mit 40-50 km/h in den Böen daherkommen.

Im LUV des Talwindes kann man soaren. Trifft der Talwind auf einen sonnigen Prallhang, kann man im Mix aus Thermik und Talwind rasch aufsteigen.

Die Voralpen werden im Sommer am Nachmittag vom Talwind überspült. Dieser fühlt sich dort wie Höhenwind an und kann auch als solcher behandelt werden. Am Niederhorn bei Interlaken ist dieser Effekt am Nachmittag im Sommer oft zu beobachten.

Am Burgfeldstand bei Interlaken (östlich des Niederhorns) kann man am Nachmittag Richtung Nordwesten starten und der Kette entlang soaren. Mix: Die Nordwestseite wird gegen Abend thermisch aktiv und man dreht einen Schlauch bis 200 m über den Gipfel aus und fliegt mit Rückenwind übers LEE hinweg nach Interlaken. Je weniger hoch man den Schlauch ausdreht, desto mehr kann man auf Tuchfühlung mit dem LEE gehen. Da dieser hochreichende Talwind am Burgfeldstand kaum über 15 km/h geht, könnte man dieses LEE als gutes «Lern-LEE» mit vertretbaren Risiken bezeichnen. Auf beiden Seiten der Krete ist ein Mix aus Talwind/Höhenwind und Thermik zu erforschen. (Fluglehrer Bänz steht somit mit einem Fuss im Knast und wird diese Passage im Text hoffentlich nie bereuen… das Internet vergisst nie.)

Meistens weht der Talwind am Nachmittag talaufwärts. Voraussetzung ist, dass sich die Berge aufheizen und Thermik bilden. Eine interessante Ausnahme der Windrichtung bilden die Bereiche der Alpenpässe: Selten treffen sich die Talwinde zweier Täler direkt auf dem Pass und vereinen sich dort zu einer grossflächigen Thermik. Oft drückt ein Talwind über den Pass in das andere Tal und bildet irgendwo talabwärts eine Konvergenz. Ein Pass ist eine Düse und beschleunigt den Talwind zusätzlich. In Fliegerkreisen hört man von der «Grimselschlange», der «Brünig-Hexe», usw. Wer unabsichtlich in die luftigen Finger eines solchen Fabelwesens gerät, sollte sich auf direktem Weg an den gegenüberliegenden Prallhang flüchten und dort aufsoaren.

Ein Blick auf die Talwindkarte Schweiz > hilft. Für die Ostalpen gibt es hier Talwindkarten: viento.aero > 

Am Abend und in der Nacht kehrt sich dieses Windsystem um. Der Bergwind fliesst das Tal auswärts. Die Düsen befinden sich am selben Ort. Aber die LUV’s und LEE’s wechseln die Vorzeichen.

Gegen Mittag des nächsten Tages setzt wieder der Talwind ein.


Unter 20 km/h Wind ziemlich sorgenfrei

Falls jetzt der Eindruck entstanden ist, Gleitschirmfliegen sei voller fieser Meteo-Fallen, so möchte ich korrigieren: Erst ab einer erhöhten Windstärke bilden sich die wirklich gefährlichen Turbulenzen. Diese unscharfe Grenze möchte ich irgendwo zwischen 25-30 km/h ansetzen. Wenn ich bei 20 km/h nicht unmittelbar hinter dem Hindernis/Grat ins LEE fliege, sind kaum Turbulenzen zu erwarten, die überfordern.

Also: Schwacher Wind in der Höhe und am Boden & angenehme Thermik = Sorgenfreies aktives Fliegen. Auch für Anfänger*innen und Wenigflieger*innen.

Es gibt viele Tage und Tageszeiten, die absolut problemlos sind.


Genug Theorie. Zum Schluss möchte ich noch eine praktische Übung mit euch teilen, damit wir nicht in einem theoretischen-Tagtraum am Startplatz herumirren. Da glückliches Gleitschirmfliegen Kopfsache ist, wechseln wir nun in den Bereich des mentalen Trainings:

Eine kleine Startplatz-Meditation

Diese Achtsamkeitsübung funktioniert zu Beginn am besten an einsamen Startplätzen. Mit etwas Übung kann man sie auch an belebten Startplätzen probieren. Die Endstufe wäre dann mit einem penetranten Startplatz-Schwätzer im linken Ohr und einem leicht hysterischen Startleiter einer Flugschule im rechten. Doch zurück zur Stille des Hike&Fly-Gipfels:

  • 10 Minuten Zeit nehmen
  • Auf den Rucksack sitzen. Oder sonstwo hin, wo es bequem ist
  • Ankommen, ruhig werden
  • Augen schliessen
  • Den Atem ruhig fliessen lassen
  • Falls störend: Die Gedanken wie Wolken am Himmel ziehen lassen
  • Wind auf der Haut spüren
  • Windgeräusche lauschen
  • Gegen Schluss die Augen wieder öffnen
  • Gras und Bäume in der nahen Umgebung beobachten. Sieht man den Wind an den Blättern?
  • Wolken beobachten. Erkennt man Bewegungen?
  • Eventuell kann man die Oberfläche eines Sees beobachten.
  • Zum Abschluss ein paar mal tief ein- und ausatmen
  • Jetzt bist du bereit für einen eleganten Start und glücklichen Flug

–––

Bänz Erb, August 2019

Ein Hike&Fly Märchen mit 3 Enden

Fiasko oder Flow? Du stellst die Weichen.

Es waren einmal zwei Hike&Fly Freunde…

Wir nennen sie Anna und Beat. Anna fliegt seit 4 Jahren Gleitschirm, macht am liebsten Hike&Fly’s an neue Startplätze und hält sich mit Bergläufen fit. Die Arbeit hat sie aufs Minimum zurückgeschraubt und kann unter der Woche mal einen guten Flugtag ausnutzen. Neue Herausforderungen machen ihr Spass. Beat fliegt seit 2 Jahren, kommt aber nur unregelmässig in die Luft, weil er im Job viel unterwegs ist. Harmonie in der Gruppe ist ihm wichtig, damit er sich entspannen kann. Ein paar Stunden Groundhandling würden ihm nicht schaden, hat sein Fluglehrer neulich zu ihm gesagt.

Die beiden haben am Vortag sorgfältig ein Hike&Fly auf die Hasenegg geplant. Beat ist sportlich nicht auf der Höhe und möchte deshalb nur 700 m Aufstieg und einen einfachen Startplatz. Anna will mehr Challenge und erhofft sich einen Thermikflug mit Toplande-Training. Die Hasenegg bietet beides. Somit stimmt der Plan für Anna und Beat.

Das Treffen

Nach einer Stunde Aufstieg bei angenehmem Tempo legen sie in einer Wegkehre eine Pause ein. Die Aussicht auf die verschneiten Viertausender ist prächtig. Eine schwarze Dohle landet und schüttelt kurz die Flügel, bevor sie wieder abhebt und hinter den Felsen verschwindet. Mit zügigen Schritten und den Klacken von Trekkingstöcken erscheinen die Vielflieger Christoph und Daniel:

«Kommt doch mit uns aufs Kranzbödeli! Nur 1’300 m Aufstieg. Der Klippenstart geht bei etwas Aufwind problemlos».

Crash

Welch eine Ehre, dass die beiden Talentierten sie mitnehmen wollen! Ohne zu zögern sagt Anna zu. Am meisten lernt man schliesslich von den Cracks. Beat schluckt leer und wagt sich nicht, Spielverderber zu sein. Er schweigt. Sein Bauchgefühl ist schlecht, doch im Job kann er bei neuen Verhandlungen auch keine Unsicherheit zeigen.

Christoph, Daniel und Anna ziehen zügig los und unterhalten sich über das bevorstehende Hike&Fly-Rennen namens Breithorn-Challenge.

Völlig erschöpft und 15 Minuten hinter der Gruppe erreicht Beat das Kranzbödeli. Nun überkommt ihn auch die Angst vor dem Klippenstart. Der Wind ist wechselhaft. Es gibt stabile Phasen, in denen ein Start Richtung Klippe auch für ihn machbar sein sollte. Die drei anderen sind bereits startklar und weisen auf das veränderte Wolkenbild hin. Es könne bald Überentwicklungen geben und wir wollen sicher nicht zu Fuss runter – Jetzt, da wir schon so lange hochgestiegen sind. Anna fragt Beat, ob er vor ihr starten möchte. «Geht nur, ich trinke noch was und komme dann gleich nach». Wenig später sind die drei Schnellen alle über die Klippe gestartet und drehen in der Thermik um die Wette.

Erschöpft, unterzuckert und durch das Wetter verunsichert macht Beat seine Startvorbereitungen flüchtig. Im wechselhaften Wind bricht er zwei Starts ab. Was denken bloss die anderen über ihn? Dann halt vorwärts starten und zügig losrennen. Beim dritten Anlauf murkst er den Schirm ohne Kontrollblick in die Luft und rennt über die Abbruchlinie hinaus ins Freie.

Sein Schirm zieht nach rechts. Beat blickt nach rechts und sieht die Felswand. Dann blickt er zum Schirm und sieht einen ordentlichen Verhänger auf der rechten Seite. «Scheisse, ich will nicht in die Felsen fliegen!». Er gibt im Stress so viel Gegenbremse, dass die Strömung auf der linken Seite abreisst. Nach etwas Trudeln kollidiert Beat mit dem steilen Gelände, rollt weiter und stürzt in einem schauerlichen Pack aus Pilot, Leinen und Gleitschirm in den Abgrund.

Als der REGA-Arzt endlich die Absturzstelle erreicht, kann er leider nichts mehr für Beat tun.

–––––
Oh nein, das ist aber ein schlimmes Ende. So endet kein Märchen! Das kann man nicht als Gutenacht-Geschichte zumuten. Versuchen wir es nochmals:

Cumulonimbus und Alpenrose

…Eine schwarze Dohle landet und schüttelt kurz die Flügel, bevor sie wieder abhebt. «Kommt doch mit uns aufs Kranzbödeli! Nur 1’300 m Aufstieg. Der Klippenstart geht bei etwas Aufwind problemlos».

Beat hört auf sein Bauchgefühl und traut sich zu sagen, dass ihn das Kranzbödeli womöglich überfordere und er lieber zur Hasenegg gehe. Er könne aber auch alleine weiter und wolle Anna nicht die Challenge verderben.

Somit trennen sich ihre Wege. Die Klack-Klack der 6 Trekkingstöcke entfernen sich rasch und auch der Alarm von Christophs Pulsmesser verstummt, da er sich wieder im gewünschten Trainingsbereich befindet. Beat steigt in gemütlichem Tempo weiter auf Richtung Hasenegg und beobachtet die Natur. Er ist enttäuscht, weil er den Tag gerne mit Anna verbracht hätte. Eigentlich hatten sie einen sorgfältigen Plan, der für beide gestimmt hätte.

Auf der Hasenegg angekommen legt sich Beat ins Gras des perfekten Startplatzes, beobachtet die Quellwolken und döst ein. Nach einer intensiven Arbeitswoche mit zwei Interkontinentalflügen holt sich sein Körper den nötigen Schlaf.

Anna, Christoph und Daniel sind auf dem Kranzbödeli angekommen und wollen das kurze Flugfenster vor den Überentwicklungen auszunutzen. Dank grossflächiger Thermik wollen sie möglichst weit das Tal hinauszufliegen. Richtung Interlaken sieht der Himmel besser aus. Also nichts wie los, auch wenn die Basis über dem Startplatz schon tief hängt und dunkel ist. So muss man nicht ewig in der Thermik drehen, sondern kann geradeaus fliegen. Wer in der Thermik dreht, fliegt schliesslich die halbe Zeit in die falsche Richtung, hat mal der A. von A. gesagt! Die drei drehen in der Thermik um die Wette und wollen vor der Talquerung möglichst viel Höhe machen. Mit der 45°-Regel nehmen sie es nicht so genau.

Es entfällt ihrer Aufmerksamkeit, dass in der Nähe eine erste Zelle ausregnet. Wie eine Flutwelle breitet sich die kalte Luft am Talboden entlang aus und verstärkt das Steigen unter den benachbarten Wolken – auch unter der Wolke über dem Kranzbödeli. Sie erreicht das Stadium Cumulonimbus und saugt die drei talentierten Vielflieger gnadenlos ein. Sie verlieren sofort die Orientierung. Trotz allerhand Abstiegsmanöver schreien die Varios wie verrückt im Aufwind von 25 m/s. Dummerweise hatte ein polnisch-deutsche Wettkampfpilotin im Jahr 2007 schon alles Glück dieses Jahrhunderts betreffend Gewitterwolkenflug aufgebraucht und somit ereilt Anna, Christoph und Daniel trotz Märchen das zu erwartende Schicksal bei einem rasanten Steigflug auf über 10’000 m ü. M., wo minus 50°C herrschen und die Luft zu dünn zum Atmen ist.

Irgendwann fällt auch diese imposante Gewitterwolke zusammen und spuckt drei vereiste und leblose Piloten aus.

Ein Donnergrollen weckt Beat aus seiner Siesta. Es beginnt jeden Moment zu Regnen. Oder sind das da hinten schon Hagelkörner? Nichts wie weg von dieser exponierten Stelle auf der Hasenegg! Beat nimmt den Wanderweg Richtung Tal unter die Füsse und erreicht im ersten Platzregen die Alp Oberberg. Aus einem der Schornsteine steigt Rauch auf. Beat mag diesen Geruch in der Nase.

Durchnässt sucht er Schutz unter dem Vordach dieser kleinen Alphütte und trifft spontan auf eine junge Frau, die gerade Wasser für einen Blumenstrauss holt. Sie heisst Heidi, streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, lächelt verlegen und bietet Beat an, ins Trockene zu kommen und sich am Feuer aufzuwärmen …

–––––
Immerhin schon mal Happy End für Beat. Doch die Opferzahlen haben sich in dieser Version verdreifacht. Wir können das so nicht stehen lassen. In diesem Märchen fehlen die Bösen und somit muss auch niemand auf der Strecke bleiben. Das Teufelchen tritt aber versteckt in Erscheinung: Es lässt  unsere Piloten in der Gruppe Dinge tun, die sie alleine anders gemacht hätten.

Also versuchen wir im dritten Anlauf, dieses unsichtbare Teufelchen aus dem Märchen rauszuhalten. 

Beats Wecker geht nicht

Beat erscheint nicht am Treffpukt. Anna muss ihn aus dem Tiefschlaf klingeln. Sie starten verspätet und bemerken beim Abmarsch hinten im Tal, dass die Quellwolken schon bedrohliche Ausmasse angenommen haben. Nach einer halben Stunde Aufstieg entschliessen sich Anna und Beat, das Hike&Fly abzubrechen. Das Wetterradar zeigt im Westen schon erste Gewitterzellen. Wieder beim Auto äussert Beat die Idee, an den See zu fahren, kurz zu baden und dann in die Pizzeria zu gehen. Der nächste gute Flugtag komme bestimmt.

Kurz nach Einfahrt in die Stadt bleiben sie im Stau stecken. Ein Van aus Appenzell Innerrhoden blieb auf dem Bahnübergang stehen und wurde vom ICE 278 Interlaken–Berlin gerammt. Wieso mussten wir nur durch die Stadt fahren, fragt sich Anna?

Beat auf dem Beifahrersitz bemerkt das Schaufenster von Chill Out Paragliding und sieht auf dem Werbeplakat «Hike&Fly Know-How – Alles, was du für erfolgreiche Touren abseits des Rummels wissen musst ». Der Verkehr steht seit 5 Minuten. Anna und Beat gucken sich die Website auf ihrem Smartphone an, während im Radio rassige Musik erklingt:

  • Wer lernen möchte, eigene Touren an Orte abseits offizieller Startplätze zu planen, besucht den Theorie-Workshop einmal und geht auf eine Know-How Tour. Da kriegt man zu Beginn ein Fallbeispiel, wie das Märchen von Anna und Beat, dem man ein Happy End verpassen darf. Unterwegs gibt es 6 Inputs zu verschiedenen Themen. Nächste Termine: 21./22./23. Juni 2019.
  • Wer «nur» an einer geführten Tour ohne Inputs interessiert ist, besucht eine Guiding-Tour. Diese beginnt mit einem sorgfältigen Preflight Check und bietet reichlich Gelegenheit, sich auszutauschen. Nächste Termine: 20./21. Juli 2019.
  • Die Touren gibt es auf zwei Niveaus: Dohle und Adler. Wer mehr als 700 Höhenmeter machen möchte, geht zu den Adlern.
  • Auch selbständige Flugschüler/innen ab 40 Flügen und bestandener Theorieprüfung sind willkommen.
  • Wer sich das Wissen fürs effektive Ausdauertraining aneignen möchte, besucht das Training-Know-How mit Profitrainer Benu Senn. Nächster Termin: 21. September 2019

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Oh, Entschuldigung, jetzt sind wir in die Schleichwerbung abgedriftet. (Der Stau war schuld.)

Zurück an die Hasenegg! Wir schulden den 4 Piloten ein Happy End.

Flow

…Eine schwarze Dohle landet und schüttelt kurz die Flügel, bevor sie wieder abhebt und hinter den Felsen verschwindet. «Kommt doch mit uns aufs Kranzbödeli! Nur 1’300 m Aufstieg. Der Klippenstart geht bei etwas Aufwind problemlos».

Anna hört ihre innere Hike&Fly-Athletin schon jubeln, sieht aber, dass Beat grosse Augen macht und die Lippen zusammenpresst. «Ich weiss nicht, Jungs.  Lasst uns das zuerst unter vier Augen besprechen», sagt Anna zu Christoph und Daniel. Die beiden Cracks gehen ein paar Schritte weiter, checken die Meteo-Apps und machen Balance-Übungen für ihre Koordination. Beat steht zu seinem Wunsch, die Tour wie geplant zu machen, erkennt aber auch Annas Bedürfnis, mit Leuten auf höherem Leistungsniveau unterwegs zu sein. Beide wollen schliesslich ihr freies Wochenende gut nutzen und etwas erleben.

Es folgt eine Denkpause …

Man soll auch wieder als Freunde vom Berg runter, sagt Anna. Sie schlägt den Cracks vor, in ihrem Tempo weiter auf’s Kranzbödeli zu gehen und dann auf eine Hanglandung bei der Hasenegg vorbeizuschauen. Beat schlägt vor, dass er beim Parkplatz lande und das Auto zurück nach Interlaken bringe. Anna könne mit den Cracks auf Strecke gehen. Sie treffen sich später noch alle auf ein Bier.

Das passt. Jeder hat nun eine Aufgabe, die seinem Niveau und seinen Erwartungen entspricht. Und trotzdem können sie zusammen bleiben oder sich später wieder treffen. Win-Win.

Während Beat auch die letzten Höhenmeter in seinem Tempo macht, legt Anna ein paar schnelle Intervalle ein. Das hat in kurzer Zeit eine ähnliche Wirkung wie der lange Aufstieg aufs Kranzbödeli. Sie machen Pause, Trinken und Essen, beobachten die thermischen Ablösungen am Startplatz und legen dann die Schirme aus. Schon bald nähern sich Christoph und Daniel aus der Luft und Üben sich im Hanglanden. Beat sieht beim Kontrollblick einen Verhänger und bricht den Start ab. Anna hilft ihm beim erneuten Auslegen und sagt, dass ihr dies auch zwischendurch passiere. Sobald Beat in der Luft ist, starten auch die drei anderen zu ihrem Streckenflug auf.

Beat fühlt sich wohl und fliegt ganze 1.5 h in der Thermik rund um die Hasenegg. Dies ist länger, als er jemals geflogen ist. Er wagt sogar die Talquerung zum Wirmschbühl. Dann gleitet er genussvoll ins Tal, und schwatzt am Landeplatz mit anderen Piloten. Er schreibt den drei anderen eine Nachricht:

«Fahre zum See, nahe des Landeplatzes. Kaufe kühles Bier und Essen. Kommt einfach, wenn ihr genug geflogen seid. Keine Eile.»

Anna hat Spass, mit den beiden Cracks auf Strecke gehen zu dürfen. Zu dritt ist das Auffinden der Thermik einfacher. Zudem kann sie die Linienwahl der beiden studieren, insbesondere die Schlüsselstelle über die Blynige Platte hat sie noch nie so elegant lösen können. Da ist sie oft im Lee des Talwindes abgesoffen. Wenns mal ordentlich böllert in der Thermik, hat Anna mehr Durchhaltewille, weil sie bei Christoph und Daniel von aussen sieht, dass es nur halb so wild ausschaut. Sie bemerken das bedrohliche Wolkenbild in den Bergen, doch zu diesem Zeitpunkt sind sie schon viele Kilometer Richtung Voralpen entfernt. In einer ruhigen Gleitphase checkt Anna das Wetterradar und beschliesst, mal Richtung Landeplatz am See auszugleiten. Denn der Outflow einer Gewitterzelle kann sich im Tal viele Kilometer weit ausbreiten und für Rodeo über dem Landeplatz sorgen. Christoph und Daniel vergleichen noch ihre Gleitzahlen im Vollgas und landen ein paar Minuten nach Anna auch beim See.

Beat steigt gerade aus dem See und lobt die milde Temperatur. Die Gewitter bleiben in den hohen Bergen hinten und fallen bald in sich zusammen. Dennoch macht sich in Interlaken etwas Outflow bemerkbar. Die verbleibenden Gleitschirme über dem Landeplatz müssen ein wenig Rodeo fliegen, kommen aber alle gut zu Boden. Christoph und Daniel verteilen Stilnoten. Mit einem kühlen Bier in der Hand ist dies ein unterhaltsames Schauspiel.

Beat stellt der Gruppe eine junge Frau vor, die er beim Einkaufen vorhin kennen gelernt hat und die auch unterwegs zu einem Bad im See war. Sie heisst Heidi und kam heute kurz in die Stadt, um Einkäufe für ihre Alphütte zu machen.

…und wenn sie noch nicht gestorben sind, dann fliegen sie noch heute.

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So gefällt mir das Märchen. Jetzt kann ich gut einschlafen.

Noch ein Wort zum Teufelchen

Es kann schwierig sein, mich einer Gruppendynamik zu entziehen. Denn dies hat mit der Art zu tun, wie sich unsere Psyche in tausenden von Jahren organisiert hat. Experimente (1) haben gezeigt, dass im menschlichen Hirn das Belohnungszentrum aktiv wird, wenn wir einer Gruppe zustimmen. Dies unabhängig davon, wie gut der Entscheid der Gruppe ist. Wenn wir gegen die Gruppe stimmen, wird das Zentrum für sehr starke Emotionen aktiv, auch Gefahrenzentrum genannt (Amygdala). Zustimmung zur Gruppe fühlt sich angenehm an, Opposition kann Ängste wecken. 

Offene Kommunikation in der Gruppe kann hier die Weichen anders stellen. Doch dies erfordert einiges an Mut. Es braucht nicht nur «Balls» in ruppiger Thermik über schroffem Gelände, es braucht ebenso «Balls» bei der Kommunikation im übermütigen Rudel. Es macht Spass, in der Gruppe unterwegs zu sein und gibt auch mir ein geborgenes Gefühl. Bei Sportarten rund um den Berg schleicht sich jedoch des Öfteren das kleine Teufelchen ins Gepäck, sobald man in der Gruppe unterwegs ist. Noch schöner: Wenn zwei Gruppen sich ein inoffizielles Rennen liefern.

Einmal drin in der Situation ist es schwierig, das Problem zu erkennen. Die Wahrnehmung ist verzerrt. Möglich hingegen ist es, rückblickend die Situationen zu erkennen, in denen ich schlechte Entscheide treffe. Wie muss mein Märchen geschaffen sein, damit es Opfer gibt? Wo werden sie Weichen auf Problem gestellt?

Irgendwann gelingt es mir, diese teuflischen Situationen an Ort und Stelle zu erkennen.

  • Ich lege eine Verschnaufpause ein.
  • Ich werfe mein eigenes Denken wieder an (Ja, ist anstrengend, ich weiss.)
  • Ich nehme die Stellhebel der Weichen in die Hand. Es gibt immer mehrere Optionen. Plan A, Plan B, Plan C.

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(1) Donelson R. Forsyth: Group Dynamics, 2019, S. 215

PS: Namen und Ereignisse in diesem Märchen sind frei erfunden. Parallelen zu realen Zwischenfällen wären zufällig.

Bänz Erb, Mai 2019


Welch eine Überraschung für den Autor. Ein Freund lässt sich durch das Märchen inspirieren und schreibt ein weiteres Ende:

Gedankenkreisen

von Jan Stahl, Juli 2019

Welch eine Ehre, dass die beiden Talentierten sie mitnehmen wollen! Ohne zu zögern sagt Anna zu. Am meisten lernt man schliesslich von den Cracks. Beat schluckt leer und wagt sich nicht, Spielverderber zu sein. Er schweigt. Sein Bauchgefühl ist schlecht, doch im Job kann er bei neuen Verhandlungen auch keine Unsicherheit zeigen. Dennoch sagt er zu mitzugehen aber behält es sich innerlich vor wieder herunterzulaufen, wenn er es sich nicht zutraut.

Christoph, Daniel und Anna ziehen zügig los und unterhalten sich über das bevorstehende Hike&Fly-Rennen namens Breithorn-Challenge.

Während dem Aufstieg gehen Beat viele einzelne Dinge durch den Kopf und er ist hin und hergerissen – er ringt mit sich selber, einerseits will er gegenüber den anderen nicht zeigen will, dass er eigentlich Angst hat aber auch gegenüber seiner Freundin möchte er nicht schwach oder als Spielverderber dastehen. Darüber reden getraut er sich nicht da seine Freundin ja schon weit vorab in einer anderen Welt mit den Cracks diskutiert und er sich hier fehl am Platze fühlt.

Völlig erschöpft und 15 Minuten hinter der Gruppe erreicht Beat das Kranzbödeli. Nun überkommt ihn auch die Angst vor dem Klippenstart. Der Wind ist wechselhaft. Es gibt stabile Phasen, in denen ein Start Richtung Klippe auch für ihn machbar sein sollte. Die drei anderen sind bereits startklar und weisen auf das veränderte Wolkenbild hin. Es könne bald Überentwicklungen geben und wir wollen sicher nicht zu Fuss runter – Jetzt, da wir schon so lange hochgestiegen sind. Anna fragt Beat, ob er vor ihr starten möchte. «Geht nur, ich trinke noch was und komme dann gleich nach». Wenig später sind die drei Schnellen alle über die Klippe gestartet und drehen in der Thermik um die Wette.

Beat ist körperlich und mental erschöpft. Er ist aber auch froh einen Moment für sich zu haben. Beat nimmt sich nach diesem Stress bewusst 5 Minuten Pause, atmet durch und isst etwas. Während dieser Zeit kommt er ein wenig zur Ruhe und kann die Situation noch einmal abschätzen.

Er beginnt mit seinen Startvorbereitungen. Dabei bemerkt er, dass er zittrig ist und sein Bauchgefühl rät ihm nicht zu starten. Beat setzt sich noch einmal hin, atmet durch schliesst kurz die Augen und prüft sein Bauchgefühl. Innerlich trägt Beat einen Kampf mit sich selber aus.

Beat spürt aber immer klarer, dass er den Flug mit dieser Ausgangslage nicht geniessen kann und entschliesst sich zusammenzupacken und wieder zu Fuss hinunter zu laufen.
Beim Abstieg geht das Gefühlchaos bei Beat erst recht los, einerseits ist er stolz auf sich, dass er eine Entscheidung getroffen hat – andererseits aber auch enttäuscht auf sich selber, dass er nicht gewagt hat zu fliegen. Es stäubt ihn dies zuzugeben – zuzugeben vor sich selber und danach so den anderen unter die Augen zu treten. Was denken die anderen beiden von ihm, halten die ihn für einen Schwächling und was denkt seine Freundin von ihm? Generell verflucht er das Fliegen, die Berge, das Wetter und generell ist alles Blöd.

Der einsame Abstieg ist zunächst eine enorme Qual in diesem Gefühlschaos aber langsam hilft ihm die Anstrengung auch sich auf etwas Anderes zu konzentrieren und er kann sogar einmal einem kleinen fetten Murmeltier zuschauen welches vor ihm in ein Loch zu flüchten versucht.

Da Gewitter hat nicht lange auf sich warten lassen und Beat findet Unterschlupf in einer einsamen Hütte……

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Hike&Fly Tourentipp Frühling

Bitschi 1960m – Bänz'es Tipp für Fortgeschrittene und Thermikfreunde

«Every short trip will teach you things, foundation skills you can’t learn in any article. A volbiv succeeds mostly on your ability to solve problems in the field. You have to be exposed to learn them.» (Greg Hamerton)

«Hike&Fly lernt man, indem man es tut», schreibt Greg Hamerton in einem lesenswerten Artikel > übers Biwakfliegen. Nur einen Bruchteil dieser Kunst kann man in der Theorie erlernen. Das echte Lernen geschieht unterwegs und basiert auf der Bereitschaft, immer wieder neue Touren auszuprobieren. Die Lernzone befindet sich dort, wo man neue Herausforderungen findet, die man mit seinen Fähigkeiten meistern kann. Stolz und Freude sollen die Landung begleiten.

Selbstverständlich erleichtert ein Theorieabend gefolgt von einer geführten Know-How Tour den Einstieg. Interessierte Flugschüler und Piloten finden im Hike&Fly Know-How > eine umfassende Quelle für den Einstieg oder die Weiterbildung.

Von der Frühlingsthermik lernen

Viele geniessen Hike&Fly-Touren an ruhigen Herbsttagen. Ich persönlich finde an den Frühlingstouren mehr Gefallen, weil sie mich auf allen Ebenen fordern: Die Thermik erwacht, ich muss mich mit den bodennahen Windsystemen befassen und kann die Tour vielleicht mit einem Streckenflug krönen. Im Idealfalle dauert der Flug sogar länger als der Aufstieg.

Bitschi 1960m – kleine Perle hoch über dem Brienzersee

Fast die gesamten südlichen Hänge des Brienzer Grates bieten an Wochenenden und ausserhalb der Wildschutzzone prima Gelände für vielseitige Frühlingstouren. Es sind aber Spielregeln zu beachten; von K wie Kabel, über L wie Luftraum bis W wie Wildschutz! Nicht zuletzt deshalb ist diese Tour auch ein prima Training der Flugvorbereitung und der Orientierung im Gelände. Mehr dazu unten bei den Facts.

Übersicht in map.geo.admin.ch >

Facts & Rules:

  • Niveau: Mittel (Piloten mit aktivem Flugstil, Orientierungssinn während des Fluges und der Bereitschaft zur Landung an inoffiziellen Landemöglichkeiten).
  • Aufstieg: beginnt in Oberried am Brienzersee und umfasst 1100hm (2-3h). T3 (Wenn trocken und schneefrei = Turnschuhgelände). Der Ausgangsort ist prima mit dem Zug erreichbar.
  • Lawinengefahr: Falls der Winter nochmals zuschlägt, ist bei kritischer Neuschneemenge oder viel Altschnee im Hang oberhalb des Startplatzes die Lawinengefahr zu beachten. Die letzten 300m des Aufstieges sind lawinengefährdet. Meistens ist der gesamte Südhang in März bereits schneefrei.
  • Startrichtungen: W – S – O
  • Ideale Wetterlagen: Schwachwindig aus den Sektoren W – S – O
  • Ungünstige Wetterlagen: Mässige Höhenwinde aus dem Sektor N oder Südföhn (Das Fluggebiet liegt nahe an der Föhnachse Grimsel–Brünig-Pilatus). Je stärker der Grat von Norden überspült wird, desto anspruchsvoller bis x-alpiger wird die Lee-Thermik.
  • Alternative Startplätze am Grat: In der Karte sind 2 weitere Möglichkeiten im Umkreis von 3-7 km markiert («Rotschalp» bei Brienz: Einfach, «Graagetor unten» bei Ringgenberg: Schwierig). Es handelt sich durchwegs um inoffizielle, echte Hike&Fly Startplätze. Erwartet weder Golfrasen, noch Windsack und Infotafel. Weckt eure Sinne! Dafür quatscht euch niemand aufs Ohr und es drängen keine Tandempiloten $$$.
  • Wasser: Am Startplatz sprudelt – sofern aufgetaut – ein Brunnen
  • Schutzhütte: Südlich des Startplatzes sowie am Aufstiegsweg gibt es Schutzhütten.
  • Biwak: Sofern der Boden trocken ist, böte der Startplatz ebene Flecken für eine sternenklare Nacht im Schlafsack (Komfortbereich bis 0° oder Löffel-Genosse/in empfohlen).
  • Luftraum: Das Fluggebiet befindet sich in der CTR des Flugplatzes Meiringen, HX Status, die meistens unter der Woche aktiv ist (Unwissenheit schützt vor Abschuss durch FA18 nicht). Infoband: 0800 496 347. Segelflugkarte > 
  • Kabel: Vorsicht im Bereich Ringgenberg Graagetor und Gummenalp bei Brienz, da lauern ein paar fiese Fallen für den sorglosen Hangkratzer. Kabelkarte >
  • Wildschutz: Der Startplatz grenzt an das Wildschutzgebiet Tannhorn, in dem Start und Landungen von Hängegleitern per Gesetz verboten sind. Im Frühling gibt es zudem folgende Vereinbarung > die in den Monaten April bis Juni den Überflug aufs Wochenende beschränkt. Der Abschuss von Steinwild zwecks Imbiss ist auch vom Hängegleiter aus nicht gestattet.
  • Landemöglichkeiten in Oberried: In der Karte oben sind inoffizielle Landemöglichkeiten markiert. Vorgängig besichtigen und NUR auf gemähten Wiesen landen, auf denen auch KEIN Vieh steht! (Sonst trifft euch der Blitz in den A****)
  • Landemöglichkeiten mit 2x Aufdrehen in der Thermik: Interlaken Höhenmatte (GZ 11) oder Hofstetten bei Brienz (GZ 7.5). Bei Talwind kann man sich mit Rückenwind wie ein Ballon nach Brienz blasen lassen und an den Prallhängen aufsoaren, oder die anspruchsvollere Aufgabe gegen den Wind versuchen. Bei Bise hingegen führt der Ballonflug nach Interlaken und vielleicht findest du unterwegs die Bise-Talwind-Konvergenz? Eigene Gleitzahlen in ruhiger Luft ermittteln mit parange.ch >
  • XC: Sowohl Richtung NO (Meringen-Engelberg) wie auch Richtung SW (Niederhorn-Thun) gibt es einige Kilometer zu fressen und kleinere Talquerungen zu knacken. Wer am Nachmittag den Brünigpass zu tief überfliegt, wird zum Futter der Brünig-Schlange (En Gööte!). Richtung Pilatus eignet sich eher für Luftraum-Techniker, denn es wird sehr schnell ziemlich eng.
  • Webcams: Brienzer Rothorn Roundshot >, Axalp>

Viel Spass und schickt mir Fotos von eurer Tour!

Bänz Erb | Hike&Fly Know-How

bendicht@chilloutparagliding.com

Der Preflight Check

Risikokompetenz für Rookies

Preflight Check V2 DE (PDF) >

Preflight Check V2 EN (PDF) >

«Man muß die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.»
Albert Einstein

Die Entwicklung eines Tools fürs Risikomanagement im Gleitschirmfliegen ist ein ewiges Ringen zwischen den Polen «zu einfach» und «zu kompliziert». Je einfacher die Methode ist, desto eher wird sie angewendet. Es könnten aber zu viele Faktoren der komplexen Materie Meteorologie ausgeblendet und das Netz viel zu grobmaschig werden. Je genauer und somit komplexer die Methode hingegen ist, desto weniger kann sie innert nützlicher Frist angewendet werden – schon gar nicht vom Rookie.

Müsste ich heute das Risikomanagement beim Gleitschirmfliegen in einem Satz formulieren, würde ich sagen:

«Pilot/in, meide Turbulenz in Bodennähe!»

In diesem Satz stecken die 3 wichtigsten Zutaten drin:

  • Ein Mensch, der Entscheidungen fällt
  • ein bestimmter Ort im Gelände
  • eine erhöhte Windgeschwindigkeit

Ich möchte noch nachschieben «Pilot/in, habe Spass!». Positive Flugerlebnisse zeigen, dass ich im anregenden Bereich zwischen Über- und Unterforderung unterwegs bin (Flow-Channel). Daraus ziehe ich die Motivation für den nächsten Flug oder ein ganzes Fliegerleben. Als Fluglehrer darf ich mich übrigens auch nach jedem Schulungstag fragen, ob es mir und den Piloten Spass gemacht hat? Erfahrungswert für mich als Fluglehrer: Wenn sich der Tag etwas langweilig anfühlt, sind wir im grünen Bereich und der schwächste Teilnehmer ist noch nicht überfordert.

Turbulenz ist unsichtbar

Das Heimtückische an der Geschichte ist, dass Turbulenzen meistens unsichtbar sind! Nur selten zeigen Wolken mit ihrem verwirbelten Bild die Turbulenzen an – schon gar nicht in Bodennähe. Ich habe es also beim Gleitschirmfliegen mit einer Aktivität in einer potentiell wilden Umgebung zu tun: Die meisten Risiken bleiben unsichtbar. Das tönt nun vielleicht bedrohlich und wenig spassig? Aber ich kann diese Situation auch als Herausforderung annehmen: Eine Einladung von Mutter Natur zur Schärfung meiner Sinne.

Wilde Umgebung schärft die Sinne

Gleitschirmfliegen ist wohl eine der wenigen verbleibenden «wilden» Umgebungen, in denen ich zu 100% selbst verantwortlich für meine Entscheide bin. Ähnlich dem Bergsteigen oder weiteren Sportarten, die mit der Kraft der Elemente arbeiten. Niemand leitet mich. Keine Blitzkästen am Strassenrand, keine Warnschilder und auch keine Leitplanken. Das Freiheitsgefühl ist einzigartig. Der Preis dafür sind jedoch – verglichen mit einfacheren Sportarten am Boden – deutlich erhöhte Anforderungen an mich als Piloten.

Wenige Flugtage sind total unfliegbar oder total harmlos. Meistens entwickelt sich der Tag irgendwo zwischen diesen Polen. Viele Faktoren sind passend, doch stets ist da etwas Störendes, das Unsicherheiten beim wenig erfahrenen Piloten hinterlässt. Vielleicht stehen trotz blauem Himmel Begriffe wie «Gewittertendenz», «mässige Talwinde» oder «leicht föhnig» im Raum. Um den Spass am Fliegen zu behalten, gibt es nun 2 Möglichkeiten:

  • Ich ignoriere die Risiken, was mir durch deren Unsichtbarkeit prima gelingt
  • Ich werde ein bewusster Pilot, der die Risiken erkennt und mit angepasstem Verhalten reduziert

Der Preflight Check richtet sich an Rookies, die den bewussten Weg einschlagen möchten

Als ich vor 9 Jahren das geschützte Nest der Flugschule verliess, sah ich mich plötzlich mit einigen Unsicherheiten konfrontiert. Auch die Wirkung der Wunderpille «überhöhtes Selbstvertrauen» flachte stossweise ab. Aus dem anfänglich spassigen Freizeitsport wurde eine fordernde Aufgabe, die sich kaum mit einem Flugtag pro Monat meistern lässt (ein Flugtag pro Woche kommt der Sache schon näher). Ich bin jedoch überzeugt davon, dass dieses Rookie-Stadium mit der nötigen Hingabe innert weniger Jahre hinter sich gelassen werden kann. Ich bewahre mir trotzdem ein Krümelchen des Rookies: Eine Mischung aus Offenheit, Staunen und Respekt. Die Lektionen von Mutter Natur sind grossartig und ungepolstert.

Chancen & Strategien | Risiken & Reduktionsmassnahmen

Ein Flugtag bietet Chancen, die ich mit angepasstem Verhalten nutzen kann: Für den Thermikflug, die Soaring-Session oder den ruhigen Sonnenuntergangsflug muss ich zur passenden Zeit am entsprechenden Ort sein und dort das Richtige tun. Das selbe Vorgehen bewährt sich auch im Umgang mit den Risiken: Ich mache diese zuerst sichtbar und reduziere sie dann mit angepasstem Verhalten auf ein akzeptables Mass. Man stelle sich eine Balkenwaage vor. Auf der einen Seite staple ich die sichtbar gemachten Risiken auf. Auf der anderen Seite gleiche ich mit angepasstem Verhalten aus.

Ich weiss also zum Beispiel, dass der kräftige Talwind im Fluggebiet an diesem Sommertag vom Höhenwind verstärkt wird. Es drohen am Nachmittag Windstärken von 40 km/h+ im Bodenwindfeld.  Zur Reduktion des Risikos kann ich als Rookie:

  • grosse und lange Alpentäler im Sommer am Nachmittag meiden
  • am Vormittag fliegen, zeitig landen, Siesta am See machen und eventuell am Abend nochmals fliegen
  • die Windwerte an den Stationen überwachen
  • Leegebiete und Düsen des Talwindes meiden
  • den grösstmöglichen und frei angeströmten Landeplatz anfliegen und mit 101% Konzentration und aktivem Flugstil durch den Bodenwindgradienten gelangen
  • Wenn ich den starken Talwind erst in der Luft bemerke, kann ich einem Prallhang aufsoaren und an einer erhöhten Lage im LUV einladen oder hoch oben in der Luft abwarten

Risiken kann ich nicht gänzlich vermeiden, aber erkennen und durch angepasstes Verhalten minimieren. Bleibt die Risikowaage Richtung Gefahr hin geneigt und bleibt das Restrisiko trotz den Reduktionsmassnahmen zu gross, habe ich stets die Freiheit, auf den Flug zu verzichten und das Wetter vom Boden aus zu beobachten. Der nächste gute Flugtag für mich kommt bald!

16 Fragen zu Mensch, Gelände, Verhältnisse und Luftraum

Nach vielen Entwürfen enthält der vorliegende Preflight Check einen Katalog von 16 Fragen, um unsichtbare Risiken in den Bereichen Mensch, Gelände, Verhältnisse und Luftraum sichtbar zu machen. Es finden sich Links zu Informationsquellen und Vorschläge für Reduktionsmassnahmen. Mit etwas Übung ist der Preflight Check in 15 Minuten erledigt. Es ist aber völlig in Ordnung, wenn er zu Beginn 1 Stunde Zeit in Anspruch nimmt.

Ein guter Zeitpunkt für den Preflight Check sind der Vorabend oder der Morgen vor dem Flugtag. Da stehen noch viele Möglichkeiten offen. Je näher ich am Startplatz bin, desto weniger Alternativen habe ich. Zudem verschiebt sich mein Bewusstsein immer wie mehr in den Handlungsmodus, der für analytische  Gedankengänge nur noch vermindert zugänglich ist. Spätestens, wenn mein Schirm ausgepackt ist, fällt mir ein Verzicht schwer. Vielleicht erreichen mich in dieser Situation noch die NO GO’s ganz am Schluss des Preflight Checks? Die kritischen Werte überprüfe ich vor dem Start erneut, denn nachher gibt es kein Zurück mehr; ich muss meinen wilden Bullen durchs Rodeo sicher zu Boden reiten. Je weiter vom Hang entfernt ich dies tue, desto erträglicher wird es für die Zuschauer sein.

Der schmale Grat zwischen Respekt und unnötiger Verunsicherung

Der Alpinismus und andere Disziplinen wie Luftfahrt oder Medizin sind sehr weit im Risikomanagement. Viel erprobtes Wissen steht zur Verfügung. Die Komplexität der bodennahen Meteorologie erfordert dennoch einige Verfeinerungen und ich fand bis jetzt kein Konzept, dass ich 1:1 übernehmen konnte. Im Chill Out Team ringen wir seit einem halben Jahr kontinuierlich um die Formulierung der Fragen, die  Gewichtung der Risiken und die Nützlichkeit der Reduktionsmassnahmen. Ein spannender und lehrreicher Prozess. In einigen Sachverhalten sind wir uns einig, in anderen gehen die Meinungen auseinander. Wir möchten den Rookie nicht unnötig verunsichern, aber trotzdem gewisse Risiken sichtbar machen.

Die Lösung liegt im «bewussten Piloten». Er kann gerade wegen dem gemachten Preflight Check entspannt fliegen, da er weiss, worauf heute zu achten ist. Nicht vorhandene Risiken dürfen an diesem Tag getrost auch mal ausgeblendet werden. Ja, es gibt trotzdem viele Tage oder Tageszeiten, wo völlig sorgloses Fliegen möglich ist; insbesondere im kuschelig geschützten Fluggebiet Interlaken.

Die Grenze zwischen «knapp fliegbar» und «knapp unfliegbar» ist fliessend und hängt zum grossen Teil von den Fähigkeiten des Piloten ab. Ich muss den Entschied letztendlich selber fällen. Der Preflight Check hilft primär, Fehler durch fehlendes Wissen zu vermeiden (Knowledge Based Errors). Für die Vermeidung von Fehlern aufgrund fehlender Fähigkeiten (Skill Based Errors), also ob ich die Bremse im entscheidenden Moment zu wenig oder zu fest ziehe, verweise ich gerne auf den Bereich des Skills Trainings >, des Skills Checks > oder ganz allgemein auf den Bereich Weiterbildung von Chill Out.

“Das muss auf den Bierdeckel passen, sonst geht es nicht in die Köpfe der Menschen”
Werner Munter

Leider sind alle meine Versuche bisher gescheitert, das Risikomanagement beim Gleitschirmfliegen auf einen Bierdeckel zu reduzieren. Das Netz wurde viel zu grobmaschig. Vielleicht findet jemand von euch eine schöne Lösung dafür? Vielleicht ist es die Aufgabe eines jeden Piloten, sich seinen persönlichen Bierdeckel mit Regeln zum Risikomanagement zurechtzulegen? Ansage von Bänz: Jeder persönliche Entwurf eines solchen Bierdeckels wird von mir mit einem Getränk aus dem Chill Out Kühlschrank gewürdigt! Werner Munter meinte mit dem Bierdeckel natürlich nicht die gesamte strategische Lawinenkunde, sondern eine simple und smarte Entscheidungshilfe im Gelände. Mehr dazu: bergundsteigen 4/07 >

Allen, die ihr nützliches Feedback zur Version 1 abgegeben haben, möchte ich an dieser Stelle nochmals danken! Ich habe die Feedbacks gewichtet und zur vorliegenden Version 2 des Preflight Checks verarbeitet. Mein Wunsch ist es, dass der Preflight Check verständlich und nützlich für den Rookie ist. Dem Unsicheren soll er Klarheit und Mut geben, dem allzu Sorglosen darf er ruhig etwas Respekt einjagen. Der Preflight Check soll nach Einsteins Worten «so einfach wie möglich, aber nicht einfacher» als das sein.

Hilf mir mit deinem Feedback!

Ob dies gelingt, erfahre ich nur aus deinem kritischen Feedback. Bitte lasse mir dein Feedback, deine Erfahrungen und deine Inspirationen zum Preflight Check zukommen: bendicht@chilloutparagliding.com

In rund einem Jahr überarbeite ich den Preflight Check zur V3 und bin sehr gespannt, wo das Projekt dann stehen wird. Bis dahin:

Viel Spass im Schulzimmer von Mutter Natur!

Preflight Check V2 DE (PDF)

Preflight Check V2 EN (PDF)

Hike & Fly Know-How
Alles, was du für erfolgreiche Touren abseits des Rummels wissen musst
XC Meteo Pro
Gute Streckenflugtage verstehen und erkennen